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Dienstag, 02. März 1999

Nachtrag zum Montag - In the army, NOW!

Die Anreise
Meinem präzisen Timing und meiner hervorragenden Kondition ist es zu verdanken, daß ich meinen Zug noch erreicht habe. Ok, ich bin viel zu spät losgerannt, habe die Hälfte vergessen und wohne nur 2 Minuten vom Bahnhof entfernt.
Im Zug kontrollierte ich ein letztes Mal mein Gepäck:
  1. Ein Dutzend Bücher, die ich vor einiger Zeit mal gekauft hatte und immer schon mal lesen wollte (ich ging davon aus, daß ich mit Freizeit totgeschlagen werde.....)
  2. Einen Satz T-Shirts
  3. Diverse Körperpflege Artikel wie Eselsmilch Imitat, Manikür- und Pedikür Sets, ...
  4. Axe® Voodoo Deo
Kommen wir gleich zu Punk 4, dem Axe® Voodoo Deo. In meinem Abteil saß eine wunderschöne Raucherin (ich oute mich hiermit als aktiven passiv Raucher) etwa 25 Jahre jung, ein Ohr bis zum Anschlag gepierct (auhaua! mehr davon...) und auf ihrem rechten Handrücken hatte sie zwischen Daumen und Zeigefinger ein Tattoo.
Mein inneres Grinsen wurde wohl nur von meiner äußeren Coolnes übertroffen *hüstel*. Jedenfalls stieg sie zwei Haltestellen später aus und hatte immer noch ihr Kaugummi. Ich allerdings mußte mir wegen meiner Coolnes wieder meine Jacke anziehen :-).
Ich checkte meine Bahnverbindung. Gut, dort umsteigen, da warten, dort Bus nehmen, Ankunft exakt pünktlich. Militärische Zuversichtlichkeit durchströmte mich, ich fühlte mich hervorragend - Zeit für nen Müsliriegel.

Das erste Umsteigen verlief ohne Probleme, Regen, Wind meine Frisur hielt und dabei abe isch gar kein Taft®.
Als ich das zweite Mal die Hochgeschwindigkeits Regionalbahn verließ (wir durchbrachen vorher mehrfach die Schallmauer, das rumpelt doch auch immer, oder?) und mich vergewisserte, ob die Verbindungen, die mir die Internet Auskunft der Bahn AG ausgespuckt hatte auch korrekt waren (nicht das ich an meiner Perfektion schweifeln würde *staub, hust*).
Etwas irritiert stand ich vor dem Fahrplan, durch jahrelanges und sehr angenehmes Training bin ich im lesen von Fahrplänen mehr als geübt. Wenn ich diesem also Glauben schenken konnte fuhr von hier gar kein Zug in die entsprechende Richtung. Der Level meiner Entspanntheit korrigierte sich schlagartig - nach unten. Die Uhrzeiten paßten nicht, die Gleise auch nicht. Zu allem Überfluß fuhren zwei Züge zu fast gleichenzeitig ein, mit einer Minute Differenz.
Mein Puls beschleunigte. Ich stand in der Mitte des Bahnsteiges und beobachtete beide Züge und deren Türen. Sobald ich einen Zugbegleiter (Schaffner oder auch Kartenknipser) erblicken würde wollte ich lossprinten und dem guten Menschen überfallen, ausquetschen die Wahrheit aus ihm oder ihr herausschütteln.
Türen gingen auf, erst links - nichts. Dann rechts, nichts. Eine 180 Grad Drehung verriet mir, das diese feigen Schluffis genau am anderen Ende ausgestiegen waren und im Begriff des Abpfiffes. Keine Zeit für einen Sprint. Entscheidungen waren gefragt. Ich vertraute auf die Logik: Es würde nicht viel Sinn machen, wenn ich in den Zug steigen würde, der in die Richtung fährt, aus der ich gerade gekommen war.
Souverän nahm ich letztlich im richtigen Zug Platz und ließ mir dies auf von dem Berufsknipser bestätigen. Tja, man kann ja nicht immer Pech haben....

Aber meine Glückssträhne war doch ziemlich kurzfristig. Kaum aus dem Zug ausgestiegen, bereitete Petrus mir einen herzlich nassen Empfang, als ob dieser Scheinheilige gewußt hätte, das ich 1. keinen Schirm und 2. keine Möglichkeit zum Unterstellen hatte.
Ich vermute dort immer noch eine Verschwörung auf höchsten Ebenen :-).
Der Bus kam pünktlich, fuhr aber nicht bis zur Kaserne, sondern setzte mich an einer Schule ab mit dem Kommentar: "Der andere Bus kommt sofort, war eben schon hinter mir..."
Aus dem "sofort" wurden 15 Minuten - natürlich ohne Unterstellmöglichkeit. Meine Laune erreichte den ersten Tiefpunkt des Tages.

Gut, tropfend im Bus sitzend wurde mir klar, das es für Desaster keine Grenzen gibt. ICH SASS IN EINEM SCHULBUS VOLLER SCHREIENDER 3 UND 4 KLÄSSLER! *waaaaaaaah* Nun war mir meine Lust entgültig vergangen.

Nen Fußmarsch später tabste ich über die regennaßen Straßen der Kaserne in Richtung der Leidengenossen der nächsten 10 Monate. Und was mußten meine müden Augen dort sehen, besser gesagt wer gammelte dort unter dem Vordach rum? Ein alter Kumpel, der etwa 2 Kilometer Luftlinie von mir entfernt wohnt. Natürlich ist er mit seinem eigenen Auto angereist und hätte mich selbstverständlich mitgenommen. Dies war der Aufschlag auf den Boden meiner Depression.
Er war übrigens ebenfalls sehr begeistert, mich zu sehen ;-).

Formalitäten.

Ein Typ vom Bund begrüßte uns, er erinnerte mich ansatzweise an den Ausbilder von Full Metal Jacket. Nicht seine Frisur oder sein Alter eher seine Art. Da er keine Fritten (diese schrägen Striche) auf den Schulterklappen hatte hielt ich ihn für ein kleines, unbedeutendes Lichtlein, nicht mehr und nicht weniger als wir anderen auch.
Falsch gedacht! Der Unteroffizier hatte dann doch mehr zu sagen....
Nachdem wir dann eingekleidet waren, in eine andere Kaserne verlegt (in unserer Stamm Kaserne werden im Moment Truppen für den Kosovo Einsatz vorbereitet) und von einem bunten Haufen Zivilisten in einen blauen Haufen BW-Jogginganzug Träger verwandelt wurden (die Anzüge waren blau, nicht wir....noch nicht), ging der Tag so gegen 1.30 Uhr zu Ende.

Wecken war übrigens um 5.30 Uhr :-) was einigen doch ziemlich krass erschien. Ich allerdings freute mich darüber, endlich mal lange ausschlafen zu können.

Turbolenzen machen das Leben interessant.
Eröffnen neue Perspektiven.
harlequin
geschrieben von harlequin ( The early years.... ) :: Kommentare(0) :: Permalink ::
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